Bochum, ich komm aus dir

Nein, eigentlich ist diese Überschrift nicht wahr. Denn ich komme aus Dortmund, der Stadt, mit der viele Bochumer eigentlich latent etwas auf Kriegsfuß stehen. Hauptsächlich deshalb, weil sie Dortmundern irgendwie immer unterstellen, insgeheim etwas herablassend auf Bochum zu schauen. Erstens: Das stimmt eigentlich nur, wenn es um Fußball geht – zugegeben ein existenzieller Bestandteil des Ruhrgebiets-Lebens. Zweitens: Dafür besteht kein Grund, denn Bochum ist eine tolle Stadt. Eine Hommage.

Wenn ich gestehe, wie lange ich in Bochum an der Ruhr-Universität studiert habe, ist das fast schon wieder etwas peinlich, denn ich habe etwas länger studiert, als es die Bologna-Reform vorsieht. Nun gut, ich bekenne es, insgesamt habe ich fast acht Jahre lang studiert.

Als ich zum Wintersemester 2006/07 anfing und zum ersten Mal zum Campus im Stadtteil Querenburg fuhr, war Bochum mir noch völlig fremd. Als Elfjährige hatte ich einmal wegen einer Ohr-Operation eine Woche im dortigen St.-Elisabeth-Krankenhaus verlebt, weil man dort auf den Eingriff spezialisiert war, der bei mir nötig war. Das war eine fürchterliche Woche: Ich war, wie gesagt, elf Jahre alt, lag mit drei erwachsenen Frauen auf einem Zimmer, hatte Angst vor der Operation und vermisste meine Eltern und mein Zuhause. Jeden Tag besuchten mich meine Eltern in Bochum, dennoch war das Heimweh überwältigend. Ich hatte damals keine Vorstellung davon, wie nah Bochum und Dortmund eigentlich beieinander liegen, ich war ein Kind, das weit weg von zu Hause in einer fremden Stadt, noch dazu in einem Krankenhaus war. Für mich war schon die Fahrt nach Bochum mit der S1 eine Weltreise gewesen. Ich rief eines Abends von der Telefonzelle im Krankenhaus-Foyer aus heulend meine Eltern an, weil ich solches Heimweh hatte und mein Vater war, wie mir später berichtet wurde, kurz davor, ins Auto zu springen, nach Bochum zu düsen und mich wider aller Vernunft nach Hause zu holen.

Keine Tendenz

Meine erste Erinnerung an Bochum ist also alles andere als positiv. Zum Glück sollte sich dieser Trend nicht fortsetzen. Meine ersten Ausflüge in die Bochumer Innenstadt fanden bei Regen statt. Überhaupt hat es in meiner Erinnerung anfangs eigentlich immer zu regnen begonnen, sobald ich auf der A 40 die Bochumer Stadtgrenze passiert habe. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass wir generell im Ruhrgebiet tendenziell eher kein mediterranes Klima haben.

Überhaupt habe ich viel geflucht in dieser Stadt. Von der Uni und ihrer fehlenden Organisation will ich gar nicht berichten. Eher von den Rolltreppen, die auf Bochumer Stadtgebiet grundsätzlich keine sehr lange Halbwertszeit zu haben scheinen. Wie oft habe ich mich am frühen Morgen die defekte Rolltreppe zum Bergbaumuseum hoch gequält, wo sich das Archäologische Institut befindet. Und wenn ich endlich oben angekommen war, hat es natürlich geregnet. Oder geschneit. Oder gestürmt. Oder alles auf einmal. Man nennt Bochum nicht umsonst „Friedhof der Rolltreppen“. Im sozialen Netzwerk „StudiVZ“, das es irgendwann 1000 Jahre v. F. (vor Facebook) einmal gab, gab es sogar eine Gruppe, die so hieß. Und wenn ich wieder einmal nach acht Stunden Uni die Treppen am Hauptbahnhof erklomm – die Rolltreppen waren natürlich defekt – wusste ich, dass das die verdammte Wahrheit war. Und ich fluchte.

Und trotzdem ist Bochum eine tolle Stadt. Weit über die Stadtgrenzen berühmt ist das Kneipenviertel „Bermuda-Dreieck“. Und das lohnt wirklich einen Besuch. Hier kann man sich eine ganze Samstagnacht wunderbar in den verschiedensten Kneipen um die Ohren hauen und wenn alles zu hat, dann hat zumindest der „Freibeuter“ noch auf. Und verhungern muss man dabei nicht. Die Zahl der Fressbuden ist ebenso zahlreich wie die Zahl der Schänken. Hier gibt es auch die angeblich beste Currywurst im Ruhrgebiet, die „Echte“ von Dönninghaus. Hier, so heißt es, habe man das Ruhrpott-Nationalgericht zur absoluten Perfektion gebracht. In der Tat kann sich die Currywurst dort schmecken lassen, obwohl ich persönlich die CPM von Wurst Willi in Dortmund an der Petrikirche doch noch lieber mag. Allerdings grenzt es hierzulande an Blasphemie, das zu sagen.

Das „Riff“ ist toll

Was gibt es noch in Bochum? Nun, zunächst einmal eine Innenstadt, in der sich in den letzten Jahren sehr viel getan hat, die über relativ breite Straßen verfügt, sodass sich die Passanten selbst zur Weihnachtsmarktzeit nicht gegenseitig auf den Füßen stehen. Sehr angenehm.

Feiern gehen kann man hier prima. Es gibt viele unterschiedliche Diskotheken hier und in mancherlei Hinsicht merkt man Bochum die Studentenstadt eher an als Dortmund, das ja auch eine große Universität hat. Ich habe schon viele Nächte meines Lebens im „Riff“ verbracht, einer etwas herunter gekommenen und trotzdem legendären Diskothek direkt neben dem Bermuda-Dreieck. Der Vorteil hier ist: Man kann mit einer Gruppe dorthin gehen, in der jeder einen anderen Musikgeschmack hat. Jeder kommt irgendwann mal auf seine Kosten, weil alles gespielt wird. Und spätestens wenn, meistens gegen halb vier in der Früh, die Nationalhymne Bochums gespielt wird, liegen sich alle in den Armen. Wenn Herbert „Häbbäht“ Grönemeyer sein „Bochum“ schmettert, singen alle mit: Bochumer, Dortmunder, Gelsenkirchener und Zugereiste. Denn dieses Lied könnte auch „Ruhrpott“ heißen, mit seinem Text kann sich jeder identifizieren, den irgendwas mit dem Ruhrgebiet verbindet. Und wenn man dann gegen halb sieben müde und aufgedreht zugleich aus dem Laden kommt und die Sonne langsam über dem Hauptbahnhof aufgehen sieht, dann weiß man: Das ist ein Stück Heimat.

An vielen Abenden bin ich schon durch Bochum gezogen, eine Flasche des heimisches Brauerei-Erzeugnisses in der Hand und habe die Sonne über Stadt untergehen und wieder aufgehen sehen. Viele interessante Gespräche habe ich dabei geführt, auch mal gestritten und manchmal auch einfach geschwiegen.

Großartige Künstler

Aber auch kulturell hat diese Stadt viel zu bieten: Ein Besuch im Bergbaumuseum lohnt sich zum Beispiel, wenn man sich für die Geschichte des Ruhrgebiets interessiert, aber auch viele andere Museen und Einrichtungen sind einen Besuch wert. Das Schauspielhaus Bochum hat bundesweit einen exzellenten Ruf. Aber auch einige feine Läden für Konzerte gibt es, zum Beispiel die Zeche Bochum. In diesem Laden habe ich 2012 ein exquisites Konzert der finnischen Pagan-Metal-Band Ensiferum gesehen. Aber auch bekanntere Bands haben dort schon gespielt. Dazu kommen großartige Künstler und Kabarettisten aus Bochum oder haben dort gewirkt: Ben Redelings, Frank Goosen, Jochen Malmsheimer, Tana Schanzara, Herbert Grönemeyer. Hansa Czypionka, einer der Hauptdarsteller in der wirklich großartigen Serie „Rote Erde“ (absolute Anschaupflicht!) ist in Bochum aufgewachsen – ebenso wie Ralf Richter, der ebenfalls eine Hauptrolle in dieser Serie spielte und in Kultfilmen wie „Bang Boom Bang“ mitwirkte. Dieser Film lief übrigens im UCI in Bochum über 15 Jahre lang. Zurecht.

Und dann ist da noch unser aller Freizeitvergnügen, der Fußball. Was ihn angeht, bin ich ganz Dortmunderin, ich bin mit Leib und Seele BVB-Fan. Und das werde ich immer sein. Das hat mich indes nicht davon abgehalten, einen Freund, der (leidgeplagter) Fan des heimischen VfL Bochum ist, häufig ins Ruhrstadion auf die Ostkurve zu begleiten. Erleichtert wurde das noch durch die Tatsache, dass eine Stehplatzkarte für Studenten nach dem Abstieg in die zweite Bundesliga nur noch acht Euro gekostet hat. Dem VfL beim Kicken zuzusehen ist in der Regel kein großes Vergnügen, wenn man gewisse Mindestansprüche an Spielkultur stellt. Aber ich habe die Besuche dort immer genossen. Man hatte mehr Platz als auf der Südtribüne im Dortmunder Westfalenstadion, dennoch war die Stimmung immer gut. Vor allem aber liebe ich das Ruhrstadion an der Castroper Straße.

Faszination Ruhrstadion

Mein Lieblingsstadion wird immer das Westfalenstadion sein, aber das Ruhrstadion hat seinen ganz eigenen Charme. Entstanden ist es in seiner heutigen Form im Jahre 1976 – und zwar nach dem Vorbild des 1974 erbauten Westfalenstadions, was an dieser Stelle natürlich jeder VfL-Fan energisch abstreiten wird. Es ist ein Bau aus Fertigbetonteilen, mit einer Kapazität von knapp 30.000 Zuschauern. Ähnlich wie das Westfalenstadion erinnert es an die klassischen englischen Stadien – keine Laufbahn, der Zuschauer ist nah am Spielfeld, kein Schnickschnack. In Wirklichkeit ist das Ruhrstadion natürlich viel klassischer als das Westfalenstadion, das muss ich zähneknirschend einräumen. Denn das Dortmunder Stadion wurde mit dem wachsenden Erfolg nicht nur um Zuschauerkapazität, sondern auch um so wichtige Dinge wie VIP-Lounges, Restaurants und einen Golf-Court erweitert. Im Ruhrstadion habe ich im Sommer 2013 auch mal ein Konzert gesehen: Die Toten Hosen. Es war ein schöner Sommertag und die Hosen haben zweieinhalb Stunden Gas gegeben. Eines der besten Konzerte, die ich je gesehen habe.

Meine Freundin Christina (r.) und ich bei Bochum total 2014 - natürlich hat es geregnet.  Foto: Lisa Sitzlack

Meine Freundin Christina (r.) und ich bei Bochum total 2014 – natürlich hat es geregnet. Foto: Lisa Sitzlack

Was Bochum noch zu bieten hat: eines der größten kostenlosen Open-Air-Festivals in Deutschland. Jedes Jahr im Juli heißt es „Bochum total“. In der Innenstadt sind Bühnen aufgebaut und das halbe Ruhrgebiet entert mit Kind und Kegel die City. Das Besondere ist, dass hier vor allem relativ unbekannte Newcomer-Bands auftreten. Für viele von ihnen war Bochum ein Sprungbrett zur großen Karriere, viele heute berühmte Bands hatten ihren ersten großen Auftritt bei Bochum total. Hier trinkt man Bier auf der Straße, schlendert an den Ständen entlang und begeht auch schon mal die eine oder andere Leichtsinnigkeit: Viele sind am Morgen nach „Bochum total“ schon mit Piercings oder Tattoos aufgewacht, die zu Beginn des Abends noch nicht unbedingt vorgesehen waren.

Bei Bochum total lernen Kondome laufen... Foto: Sylvia Schemmann

Bei Bochum total lernen Kondome laufen… Foto: Sylvia Schemmann

Ja, ja, ganz viel Grün…

Natürlich darf man heute auch das viele Grün nicht unerwähnt lassen. Man kann es zwar schon eigentlich nicht mehr hören und jeder Ruhri ist es mittlerweile leid, durch Zufall hierhin versprengten Touristen erklären zu müssen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen das Ruhrgebiet unter einer Dunstglocke aus Industrie-Emissionen hing, dass man inzwischen auch im Pott blauen Himmel nicht mehr nur aus Bildbänden kennt und dass man auch weiße Wäsche mittlerweile wunderbar zu Hause im Garten aufhängen kann, ohne sie danach gleich noch mal durch die Kochwäsche jagen zu müssen. Trotzdem: In Bochum gibt es viel Natur. Wälder, Parks, dann natürlich der Kemnader See, der zwar zum Teil schon auf Wittener Gebiet liegt, aber auch das heute idyllische Ruhrtal, ein Naherholungsgebiet, fängt in Bochum an.

Heute bin ich kaum noch in Bochum. Mein Studium ist seit einem halben Jahr zu Ende und meine Hoffnung, als Volontärin bei den Ruhr Nachrichten vielleicht mal die Station Bochum zu erwischen, hat sich zerschlagen, weil die Ruhr Nachrichten ihre Redaktion dort geschlossen haben. Niemals hätte ich es gedacht, aber ganz ehrlich: Bochum, ich vermisse dich. Du bist ’ne töfte Stadt.

Bochum, ich häng an dir. Oh, Glück auf.

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