Wurzeln im Exil

Wenn man sein ganzes Leben im Ruhrpott verbracht hat, kann es ein ganz schöner Kulturschock sein, wenn es einen mal in eine andere Region verschlägt. Dort sieht alles anders aus. Andere Dinge sind wichtig. Und die Menschen ticken anders. Und mich hat es nicht mal nach Bayern verschlagen. Sondern nur ins südliche Münsterland, von dem aus man früher die Schlote des Ruhrgebiets praktisch sehen konnte.

Seit Anfang Juli arbeite ich in Selm, einer Kleinstadt an der Peripherie, mental und geografisch genau auf der Grenze zwischen Ruhrgebiet und Münsterland. Ich arbeite als Reporterin für die lokale Zeitung und komme entsprechend viel in der Gegend herum. Das Wesen dieses Berufes ist es, dass man viele Leute trifft und mit ihnen spricht. Und die Redaktion, in der ich arbeite, kümmert sich neben Selm auch noch um die Berichterstattung für die noch kleinere Stadt Olfen und die Gemeinde Nordkirchen.

Von Selm heißt es, die Einwohner orientierten sich eigentlich noch sehr stark Richtung Ruhrgebiet. Einige Jahrzehnte gab es hier sogar eine – allerdings nicht besonders rentable – Kohlenzeche. Aber in vielen Dingen sind die Selmer auch schon sehr münsterländisch.

Ländlicher Raum

Olfen und Nordkirchen sind dann auch wirklich schon eindeutig Münsterland. Alle drei Orte eint, dass sie ein ländlicher Raum sind. Selbstverständlich gibt es ländliche Gebiete auch am Rande der großen Ruhrgebietsstädte – der Norden von Dortmund ist beispielsweise sehr ländlich geprägt. Doch von dort aus ist es eben nie weit bis in die Innenstadt. Im Münsterland kann man da mitunter ziemlich weit fahren, bis man die nächste echte Fußgängerzone erreicht.

Wahrscheinlich hat es viele Vorteile auf dem Land aufzuwachsen und zu wohnen. Ich habe den Eindruck, dass hier alles weniger anonym ist, als in der Großstadt. Ich kenne hier in Dortmund schon meine Nachbarn, die ein Haus weiter wohnen, nicht mehr mit Namen. Für mich als Großstadtkind ist vieles etwas fremd, was dort in Selm, Olfen oder Nordkirchen passiert.

So schön kann das Münsterland sein... (Foto: Sylvia Schemmann)

So schön kann das Münsterland sein… (Foto: Sylvia Schemmann)

Ich bin anfangs reichlich naiv dorthin gekommen, wusste nichts über diese Orte. Erstaunt habe ich in meiner ersten Zeit festgestellt, was für eine große gesellschaftliche Rolle dort etwa Schützenvereine spielen. Ganz ehrlich, ich dachte immer, bei Schützenvereinen geht es im Wesentlichen ums Schießen und ums Saufen. Ich habe nun gelernt, dass das Schießen meist im Vereinsleben keine so große Rolle spielt, das Saufen zu bestimmten Gelegenheiten schon eher, aber dass es dort vor allem um die Gemeinschaft der Leute geht.

Unterschiede

Platt war ich auch, dass wir tatsächlich große Artikel über das Jubiläum einer kfd-Gruppe, eines Männergesangsvereins oder eines Sparklubs veröffentlicht haben. Nach einer Weile habe ich aber begriffen, wie wichtig solche Strukturen im ländlichen Raum sind. Und jetzt zur Adventszeit stutzte ich zunächst, als ich hörte, dass der Weihnachtsmarkt hier nur an einem Wochenende stattfindet und nicht wie in Dortmund einen ganzen Monat lang, jeden Tag.

Nun, das alles waren vielleicht noch keine Anpassungsschwierigkeiten im Münsterland, sondern generelle Unterschiede, die ein Städter bemerkt, wenn er aufs Land geht. Die Diskrepanz zwischen Stadt und Land ist sicher längst nicht mehr so gewaltig wie früher, aber sie ist noch da. Ich habe auch einige Freunde, die ursprünglich vom Land sind und die haben mir schon zu verschiedenen Gelegenheiten ein kopfschüttelndes „Stadtkind!“ an den Kopf geworfen.

Ja, in der Tat, ich bin ein Stadtkind. Und ich habe daher im Laufe meines Lebens manche Dinge nie gelernt: zum Beispiel Geduld zu entwickeln für einen Traktor, der mit 25 Stundenkilometern mit seinem Anhänger voller Stroh gemächlich vor mir her rollt. Vorzugsweise natürlich dann, wenn ich, die ihre Zeit ohnehin gerne knapp plant, spät dran ist. Solche Gefährte begegnen einem auf der A 40 natürlich eher selten. Dort könnte man sie allerdings wenigstens überholen. Auf einer einspurigen Landstraße voller Kurven? Keine Chance!

Typische Westfalen

Nun aber zu dem, was eine Region ausmacht: den Menschen. Die Münsterländer sind trotz der geografischen Nähe doch noch ein wenig anders als die Ruhris. Von uns heißt es ja schon, wir seien eher stieselig und würden zum Lachen meist den Keller aufsuchen. (Nun wir alle wissen, dass das nicht stimmt. Gib uns ein paar Bier und wir sind lustiger als die meisten Rheinländer.)

Doch die Münsterländer übertreffen die Ruhris noch in Sachen Knorrigkeit und Maulfaulheit. Hier wird wirklich kein Wort mehr als unbedingt nötig gesagt. Und von aufgesetzter Herzlichkeit um der Höflichkeit willen hält man hier schon mal gar nichts. Das heißt nicht, dass die Leute unfreundlich sind. Ich habe hier viele nette, herzliche und engagierte Leute getroffen. Aber so sind sie dann eben nicht rund um die Uhr, sondern dann, wenn sie es für angebracht halten. Manchmal sprechen sie sogar anders, benutzen Worte, die ich nicht kenne, vor allem die alten Leute, die zum Teil sogar noch Plattdeutsch sprechen können – früher die gängige Sprache im Münsterland.

Die Münsterländer scheinen mir insgesamt etwas zurückhaltender zu sein, als die Leute im Ruhrpott. Sie kommen dem Bild, das man allgemein von dem typischen Westfalen hat schon recht nahe.

Landschaft

Natürlich ist so etwas immer schwierig zu sagen, denn jeder Mensch ist ein Individuum und überall gibt es, wie wir im Ruhrpott sagen, „so’ne und so’ne“. Aber gewisse Gemeinsamkeiten bei den Leuten stelle ich schon fest.

Vieles hier ist ganz anders als dort, wo ich her komme. Die Menschen vertrauen sich mehr, schließen teilweise noch nicht einmal ihre Autos ab. Und natürlich ist auch schon die ganze Landschaft anders. Wenn ich auf der Arbeit unterwegs bin, fahre ich an scheinbar endlosen Feldern entlang. Und das kann wunderschön sein, gerade zu dieser Jahreszeit, wenn die Sonne den Raureif auf den Feldern zum Glitzern bringt. Und wenn nicht gerade ein Trecker vor einem her schleicht und man vor Wut platzt. Wenn ich dann noch Rehe auf den Feldern sehe, die lange Zeit überhaupt nicht in freier Wildbahn kannte, dann weiß ich, dass hier immer noch einiges anders läuft.

Selmer Wurzeln

Und gerade Selm ist etwas Besonderes für mich: Denn ich habe meine Wurzeln hier. Mein Opa ist hier geboren und aufgewachsen. Nach dem Krieg heiratete er meine Oma und zog zu ihr nach Dortmund, verbrachte somit den Großteil seines Lebens im Ruhrgebiet, wo er 1984 starb. Leider habe ich ihn nicht mehr kennengelernt, daher weiß ich nicht, wie viel münsterländische Mentalität er hatte.

Aber sein Familienname ist in Selm und der Umgebung immer noch präsent. Und es ist immer wieder ein sonderbares Gefühl, wenn den Namen irgendwo lese – in einer Werbeanzeige, in einer Meldung – und mir bewusst mache, dass ich mit diesen Leuten wohl irgendwie um zehn Ecken verwandt bin. Obwohl ich sie nicht kenne. Ich habe im Laufe meiner Arbeit auch Kontakt bekommen zu Menschen, die meinen Opa tatsächlich als Kind oder als Jugendlichen noch kannten. Oder zumindest seine Familie.

Es ist ein bisschen die Fassungslosigkeit eines Kindes, das nicht glauben kann, dass der Opa auch mal irgendwann ein Kind war. Ich weiß immer noch recht wenig über die Familie und ich weiß nicht viel darüber, wie mein Opa als Kind war. Aber ich habe seine Spur in Selm wiedergefunden und Dinge herausgefunden, die in meiner engeren Familie niemand mehr wusste.

Insofern war es vielleicht Schicksal, dass es mich in meinem Volontariat ausgerechnet in die Redaktion nach Selm verschlagen hat. Am Ende des Jahres ist meine Zeit dort vorbei. Dann komme ich für ein halbes Jahr nach Castrop-Rauxel. Zurück ins Ruhrgebiet.

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