Der Alptraum unter den Straßenmusikanten

Ich arbeite in einem Bürogebäude am oberen Ende des Westenhellwegs in Dortmund. Das hat viele Vorteile. Starbucks ist gleich um die Ecke und in der Mittagspause ist jederzeit ein kleiner Stadtbummel drin. Im Sommer hat es aber auch einen großen Nachteil. Den ganzen Tag über geben sich mehr oder minder begabte Straßenmusiker dort die imaginäre Klinke in die Hand.

Und es werden immer mehr. Gestern zählten die Kollegen und ich nicht weniger als fünf verschiedene Sänger bzw. Gruppen, die uns über den Tag verteilt mit Livemusik beglückten. In diesem Sommer geht der Trend ganz klar zu Folklore-Gruppen, die mit unterschiedlichsten Instrumenten die Türkei oder den Balkan in die Dortmunder Innenstadt bringen. Das ist die ersten fünf Minuten noch ganz nett, doch ab einem gewissen Zeitraum hat es ein gewisses Nervpotential. Zumal das Repertoire dieser Gruppen meist stark begrenzt ist. Entweder haben sie nur ein Lied, das etwa dreißig Minuten lang ist. Oder es hören sich einfach alle Lieder gleich an. Das haben wir noch nicht so genau herausfinden können.

Akkordeon und Panflöte

Dann gibt es noch den Akkordeon-Spieler, der meist zwischen Kaufhof und McDonald’s sitzt und schwermütige Melodien spielt. Den höre ich persönlich sogar ganz gern, irgendwie weht dann immer ein Hauch von Paris über Dortmund. Ich assoziiere den Klang eines Akkordeons offenbar automatisch mit Frankreich.

Eine Zeitlang gab es noch einen Panflötisten, dessen Repertoire aus genau drei Liedern bestand. Eines davon war das irische Volkslied „Irish Rover“, den Rest habe ich nicht gekannt oder nicht erkannt. Beides möglich. In letzter Zeit gibt es auch oft junge Leute, wahrscheinlich Oberstufenschüler, die zum Teil sogar recht begabt sind und meistens bekannte Lieder singen.

Der Urvater der Straßenmusikanten

Sie alle kommen und gehen. Doch einer bleibt. Er ist so etwas wie der Urvater aller Dortmunder Straßenmusikanten und verfolgt mich inzwischen bis in meine Alpträume. Es ist der dunkelhäutige Mann mit der Gitarre, der seit vielen Jahren auf dem Westenhellweg sitzt und mit lauter und hoher Stimme Klassiker wie „Let it be“, „No woman no cry“, oder „Forever young“ ähm… sollte man sagen, singt?

Meine Wahrnehmung auf diesen Musiker hat sich stark gewandelt, seitdem ich gezwungen bin, ihn jeden Tag live zu hören. Früher, wenn ich in der Stadt einfach nur an ihm vorüber ging, dachte ich oft: „Der hat ja eigentlich eine ganz gute, kräftige Stimme. Hört sich nicht schlecht an!“ Nun weiß ich, dass man das nur denkt, solange man ihn nicht länger als anderthalb Minuten am Stück und auch nicht öfter als alle paar Wochen hören muss.

Der Knödelsänger

Mittlerweile sitze ich in Hab-Acht-Stellung an meinem Rechner im Büro und lausche immer ängstlich nach draußen, ob ich die bekannte Stimme aus dem City-Rauschen schon vernehmen kann. Ist es dann soweit, zucke ich zusammen und stöhne laut auf. Diese Stimme geht durch Mark und Bein. Sie frisst sich tief ins Bewusstsein. Man wird sie einfach nicht mehr los. Im Büro heißt er nur noch „der Knödelsänger“, weil er seine Lieder nicht singt, sondern sein begrenztes Repertoire in atemberaubenden Tempo und voller Inbrunst heraus knödelt.

Mittlerweile verfolgt mich die Stimme dieses Sängers bis nach Hause. Ich habe seit zwei Tagen einen Ohrwurm von einem seiner Lieder, das ich noch nicht einmal erkenne. Ich liege abends im Bett und das Letzte, an das ich vorm Einschlafen denke, ist seine Stimme. Ich wache morgens auf, mit seinem Gesang im Ohr. Neulich habe ich glaube ich sogar von ihm geträumt. Ich kann nicht mehr. Dieser Sänger macht mich völlig fertig.

Und nicht mal umziehen würde etwas bringen. Denn der Knödelsänger geht im ganzen Ruhrgebiet auf Tour. In Bochum ist er schon gesehen worden, in Duisburg treibt er regelmäßig sein Unwesen und auch in Essen soll er manchmal sitzen.

Zu Hilfe!

Ich habe großen Respekt davor, wenn jemand den Mut hat, sich in die Fußgängerzone zu setzen und singen. Ich habe auch Respekt vor dem Knödelsänger und kann irgendwo nicht umhin, seine Leidenschaft, mit der er das seit vielen Jahren durchzieht, zu bewundern. Trotzdem ist er der Alptraum unter den Straßenmusikanten. Ich werde seine Stimme einfach nicht mehr los. Sie verfolgt mich. Langsam beginne ich, mir einen frühen und strengen Wintereinbruch zu wünschen, der die Saison der Freiluftkonzerte beendet.

Erbarmen….

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7 Gedanken zu „Der Alptraum unter den Straßenmusikanten

    • Ist mir schon aufgefallen dass er im Moment nicht da ist. Hatte schon befürchtet, dass er meinen Text gelesen hat und ich ihn nun endgültig vergrault habe 😉

      Nettes Bild übrigens 😉 Passt gut 😀

  1. Pingback: Knödelsänger, wo bist du? | Komm zur Ruhr und verweile

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