Wo dir der Briefträger noch „Guten Tach“ sagt

Ich bin vor einigen Monaten von der Dortmunder City in den nördlichen Stadtteil Eving gezogen und wohne dort in einer alten Bergarbeiter-Siedlung. Alte Häusken, Rosensträucher in den Vorgärten, dorfähnliche Strukturen, die Nachbarn kennen sich. Es ist schön hier. Schon ein paar Tage nach meinem Einzug klingelte es bei mir und ein älterer, mir unbekannter Mann stand vor mir.

„Tach! Ich bring Ihnen immer die Ruhr Nachrichten!“ (So und jetzt wissen auch alle, welche Zeitung ich abonniert habe.) Besorgt erkundigte er sich bei mir: „Sie hatten heute keine Zeitung, ham se mir gesagt?“ Nein, hatte ich nicht. Der Mann schwor aber Stein und Bein, er habe sie mir in den Hausflur gelegt. Er klang so ehrlich verwundert, dass ich nicht fragte, ob es nicht sein könne, dass er mich an diesem Morgen ausnahmsweise einfach mal vergessen hatte. Zeitungsboten sind ja schließlich auch nur Menschen.

Feierlich überreichte er mir die aktuelle Ausgabe der Zeitung und geriet dann ins Plaudern. Er wohne ja auch hier „umme Ecke“ und er trüge schon seit vielen Jahren hier die Zeitung aus. Hier die Ruhr Nachrichten, „da vorne, die ham die Rundschau“ (sein Finger deutete auf das Haus schräg gegenüber) und „da vorne is auch zwei Mal die Ruhr Nachrichten“ (die Nachbarn nebenan, mit der BVB-Fahne im Garten. Dank meines Zeitungsboten wusste ich nun, dass ich mit denen neben den Vereinsfarben also auch noch die Zeitung gemeinsam hatte).

Der Typ war klasse. Ein wandelndes Ruhrpott-Klischee auf zwei Beinen und aus meinem ersten Eintrag wissen Sie vielleicht schon, welch große Schwäche ich für alles habe, was irgendwie „typisch Ruhrpott“ ist. Bevor er sich verabschiedete, sagte er „Ich schreib in Zukunft einfach immer ihren Namen auf die Zeitung!“ Macht er auch tatsächlich. Seitdem war die Zeitung auch bis auf einmal immer da.

Immer Ärger mit dem Lehrling

Heute morgen klingelte es wieder, kurz bevor ich zur Arbeit fahren wollte. Vor der Tür stand wieder ein Mann, diesmal mittleren Alters. „Guten Tach“ sagte er und „Guten Tach“ sagte auch ich. Er betrat das Haus und begrüßte mich freudestrahlend: „Is ja endlich mal einer da!“ und mit diesen Worten überreichte er mir meine Post. Es war de Briefträger, der anscheinend schon oft vormittags bei mir geklingelt hatte und mich aber nie vorgefunden hatte.

Dazu müssen Sie noch wissen, dass ich zwar in einem Drei-Parteien-Haus lebe, mir aber nur mit einer anderen Familie den Hausflur und die Haustür teile – nicht ungewöhnlich für ein Zechenhaus aus der Jahrhundertwende. Wir haben aber keine Briefkästen, weshalb der Postbote die Post immer einfach durch den Zeitungsschlitz wirft. Das erklärte mir mein Briefträger nun und fragte: „Ich hoffe, das ist ok so? Ich guck immer, aber ich seh hier keine Briefkästen!“ „Nee,“ sach ich. „Wir ham auch keine.“

Er wusste auch, dass ich manchmal den „Kicker“, den ich ebenfalls abonniert habe, ein oder zwei Tage zu spät erhalte. „Ich hab einige Zeit immer so’n Lehrling mitgehabt. Vielleicht hat der Bengel Scheiße gebaut!“ Ich beruhigte ihn und sagte, dass ich fest an die Unschuld des Lehrlings glaube. Ganz überzeugt sah er nicht aus, aber er wünschte mir noch einen schönen Tag und ging.

Irgendwie nett, wenn man seinen Zeitungsboten und seinen Briefträger mal persönlich kennen lernt. Das hätte es in der Anonymität der Innenstadt, wo ich vorher wohnte, sicher nicht gegeben. Ich hoffe nur, der Lehrling hat jetzt nicht wegen mir einen auf den Deckel gekriegt. Aber ich hab ja mein Bestes getan, um ihn zu verteidigen.

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Ein Gedanke zu „Wo dir der Briefträger noch „Guten Tach“ sagt

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