Ruhrschleichweg

Ein ganz normaler Dienstagmorgen. Ich bin auf dem Weg zur Uni nach Bochum. Von Dortmund aus keine Weltreise eigentlich. Zwischen den beiden Städten liegen vielleicht 15 Kilometer. Doch zwischen mir und der Ruhr-Universität liegt noch die A40. Professionelle Autofahrer und Einheimische wissen, was das bedeutet

Das Auffahren an der Anschlussstelle Dortmund/Semerteichstraße, wo die A40 noch B1 heißt, geht noch verhältnismäßig zügig. Gerade einmal drei Ampelphasen und schlappe 12 Minuten brauche ich, da rolle ich auch schon Richtung Bochum. Noch bevor ich auf 50 beschleunigen kann, sehe ich Bremslichter. Unter der Brücke vor der Ausfahrt zur B54 ist erst einmal Feierabend. Nichts geht mehr.

Ich schaue auf die Uhr: in 25 Minuten beginnt das Hauptseminar im Raum GA 04/516. Schon in diesem Moment ist mir klar, dass es zunächst auf meine Anwesenheit wird verzichten müssen. Zum Glück bin ich Studentin und nicht die Dozentin.

Nicht von hier?

Zentimeterweise geht es vorwärts. Neben mir auf der rechten Spur rollt ein glänzender, schwarzer Passat mit Münchner Kennzeichen. Der Fahrer trägt Anzug und Krawatte, er flucht und haut auf sein Lenkrad. Termine, Termine! Wo er wohl hin will? Auf jeden Fall ist er nicht von hier. Sonst wüsste er, dass man für eine Fahrt von Dortmund nach Duisburg zu bestimmten Uhrzeiten schon mal zwei Stunden einplanen muss. Ich bin von hier. Ich weiß das eigentlich. Und fahre trotzdem immer wieder zu spät los. Weil ich verschlafe. Weil ich die Zeit vergesse. Oder weil ich einfach hoffe, dass vielleicht ausnahmsweise mal kein Stau sein wird.

Der Fahrer vor mir blinkt nervös, quetscht sich auf die rechte Spur und rammt dabei fast den Passat. Dabei ist die Schnettkerbrücke zwar schon in Sichtweise, aber es sind noch 600 Meter, bis das Reißverschlussverfahren beginnt. Idiot! Solche Leute halten den Verkehr noch mehr auf und sind am Ende meistens auch noch langsamer.

Auf der linken Seite tauchen die Westfalenhallen auf. Ich habe genügend Zeit, eingehend den davor liegenden Parkplatz zu studieren, denn es bewegt sich gerade mal wieder gar nichts. Noch 12 Minuten bis das Seminar anfängt. Ich schaue auf die Uhr und überlege, ob ich es wohl schaffe, unter einer halben Stunde Verspätung zu bleiben. Hm. Schwierig.

Gefährlicher Engpass

Auf der rechten Seite taucht die Geschäftsstelle von Borussia Dortmund auf. Auch dort ist nichts Interessantes zu sehen. Keine Schlange vor dem Eingang, weil gerade kein Vorverkauf für ein wichtiges Spiel ansteht. Auch kein Spieler oder Funktionär, der zufällig gerade dort zu tun hat. Weiter geht’s. Im Schneckentempo passiere ich die Baustelle auf der Schnettkerbrücke. Hui, da ist ja ein Quadratmeter Asphaltdecke, der am Freitag noch nicht da war! Faszinierend.

Während ich durch den Engpass rolle, bete ich immer wieder, dass nicht ausgerechnet jetzt irgendwo vor mir ein Fahrzeug verrecken möge. Das ist schon mal passiert. Mitten in der Engstelle hat ein Auto plötzlich Feuer gefangen. Die Folge war ein Superstau biblischen Ausmaßes. Nur eine Stunde zuvor war ich damals dort lang gefahren. Eine Stunde später und ich wäre in den Genuss dieser unbeschreiblichen, geradezu epischen Verkehrsblockade gekommen. Ich darf nicht daran denken. Denn ich bin ein seeeehr ungeduldiger Mensch. Völlig ungeeignet für Staus aller Art. Schon zwei Leute vor mir in der Schlange an der Supermarktkasse lösen bei mir Nervosität aus. Ich hasse es, zu warten. Egal, worauf oder auf wen. Autofahren im Ruhrgebiet ist daher für mich immer eine Herausforderung, obwohl ich von hier bin und hier das Autofahren gelernt habe.

In diese Gedanken versunken, merke ich kaum, dass ich eben das Autobahnkreuz Dortmund-West passiert habe und damit meine Chance verpasst habe, die A40 zu verlassen und über die 44 nach Bochum zu fahren. Bis zum bitteren Ende also.

Bochum, Stau und Regen

Der schlimmste Stau hat sich inzwischen aufgelöst und der Verkehr fließt einigermaßen. Bis ich die Stadtgrenze von Bochum passiere. Zwei Dinge geschehen gleichzeitig: es fängt an, zu regnen. Und vor mir leuchten die Bremslichter auf. Das darf doch nicht wahr sein!

Kurz vor dem Kreuz Bochum bekommt mein Auto wieder eine kleine Erholungspause. In diesem Augenblick beginnt im Raum GA 04/516 an der Uni in Bochum-Querenburg mein Seminar. Leider ohne mich. Ich bin noch auf dem Ruhrschnellweg. Der Name ist wirklich der blanke Hohn. Schnell? Im Vergleich zu was? Gut, ich bin vielleicht schneller als zu Fuß. Aber das kann ja damit nicht gemeint sein.

Es vergehen weitere zehn Minuten bis ich die Anschlussstelle Bochum-Harpen erreiche und die A40 verlassen kann. Dort hänge ich erst einmal an einer Ampel fest, bevor ich auf die B226 auffahren kann. Dort geht es etwas zügiger als auf der Autobahn, aber immer noch zäh. Irgendwann erreiche ich die Universitätsstraße und wenig später die Uni. Dort brauche ich dann auch nur noch knappe zehn Minuten um einen ziemlich illegalen Parkplatz zu finden. Ich quetsche mich hinter einen roten Golf in einer Durchfahrt, ignoriere das Schild mit dem absoluten Halteverbot und renne zum Seminarraum. Nur knappe 20 Minuten zu spät.

Lieber mit der Bahn?

Ich habe von Dortmund bis zur Uni etwa 55 Minuten gebraucht und nahm mir ein für alle Mal vor, endlich mal mein Uni-Ticket zu nutzen und künftig mit der Bahn nach Bochum zu fahren. Das tat ich dann auch, als ich in meine erste eigene Wohnung umzog und damit viel näher am Hauptbahnhof wohnte.

Beim nächsten Mal berichte ich dann, wie ich an einem eisigen Winterabend nach acht Stunden Uni und mit einem Loch im Magen so groß wie China eine Dreiviertelstunde am Bochumer Hauptbahnhof verbrachte und dabei die unterschiedlichsten Begründungen für nicht oder zu spät erscheinende Nahverkehrszüge kennenlernen durfte.

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2 Gedanken zu „Ruhrschleichweg

  1. Pingback: Links anne Ruhr (19.08.2013) » Pottblog

  2. Pingback: Böse Wetter | Komm zur Ruhr und verweile

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