Eine Region sucht ihre Identität

Gibt es den alten Ruhrpott überhaupt noch? Die Zechen sind fast alle stillgelegt, die Stahlwerke stehen jetzt in China und die echten Malocher sind doch längst unter der Erde oder leben von Hartz 4 – was mitunter kein großer Unterschied sein muss. Einstige Arbeiterstadtteile in den großen Ruhrgebietsstädten fristen ihr trauriges Dasein als sozialer Brennpunkt mit Arbeitslosenraten um die 30 Prozent und leerstehende Geschäfte vervollkommnen das triste Bild.

An den Rändern der Städte entstehen Technologiezentren, an den Universitäten werden Kinder und Enkel von Malochern mittlerweile zu Ingenieuren, Ärzten, Anwälten oder Historikern ausgebildet. Von denen hat keiner mehr eine Schüppe in der Hand gehabt und Schlägel und Eisen kennen sie meist auch nur noch von Bildern.

Auf der anderen Seite produziert die Industrie spätestens seit dem Jahr 2010, in dem das Ruhrgebiet „Kulturhauptstadt“ war, eine beachtliche Masse an Touristen-Souvenirs, die samt und sonders auf die Malocher-Vergangenheit dieser Region anspielen: Windlichter aus Metall in Form eines Förderturms, Frühstücksbrettchen, bedruckt mit bekannten Auswüchsen der Ruhrpottsprache, Seife in Form von Steinkohle, dazu die ganze Palette an T-Shirts, Postern, Schlüsselanhängern, Tassen – alle mit irgendwelchen Fördertürmen, Grubenlampen oder sonstiger Malocher-Nostalgie bedruckt.

Ruhrpott-Kitsch

Aber legen Sie sich mal auf die Lauer neben einer solchen Warenauslage und dann schauen sie mal, wer diese Dinge kauft. Nicht die Touristen aus Bayern, die Essen oder Bochum besuchen, weil sie mal Abwechslung von ihrem Alpenpanorama brauchen. Irgendwas stimmt an dem Satz nicht. Oh richtig, solche Touristen werden sie im Ruhrgebiet nicht finden. Auch nicht die Scharen an japanischen (oder zunehmend auch chinesischen) Touristen, die mit der Kamera bewaffnet 22 Länder in 5 Tagen bereisen und dabei alles knipsen, was ihnen vor die Linse kommt und alles an Souvenir-Kitsch kaufen, was ihnen landestypisch erscheint.

Ruhrpott-Souvenirs für Zuhause. Foto: Sylvia Schemmann

Ruhrpott-Souvenirs für Zuhause. Foto: Sylvia Schemmann

Nein, die Menschen, die diesen Ruhrpott-Kitsch kaufen, sprechen den Dialekt dieser Region. Sie kommen von hier. Die größten Fans vom Ruhrpott sind die Ruhris selbst. Woher ich das so genau weiß? Weil ich den Kram selbst zuhause habe.

Bis auf wenige Ausnahme sind wohl nur Ruhrpöttler oder Exil-Ruhris in der Lage, einen Förderturm oder eine andere Industrie-Ruine im Abendrot malerisch und romantisch zu finden. Und das, obwohl die Schwerindustrie hier mittlerweile zum größten Teil verschwunden ist und nicht mehr die Industrie, sondern der Dienstleistungssektor die Brötchen für die Menschen hier beschafft.

Identifikation mit der Maloche

Interessant ist auch, dass die Menschen sich heutzutage viel mehr mit der harten Arbeit ihrer Großväter und Väter identifizieren können als früher. Früher war eben alles trist und grau, der Himmel war grau von den Emissionen der Kokereien und NIEMAND wäre auf die Idee gekommen, das allen Ernstes auch noch romantisch zu finden. Es ist nicht so, dass man sich diese Begleiterscheinungen der Schwerindustrie unbedingt zurück wünscht. Nein, den blauen Himmel über der Ruhr finden schon alle ganz knorke. Und auf Schlagwetterexplosionen können wir sowieso gut verzichten. Die Berufe in der Schwerindustrie waren allesamt gefährlich, jede Frau sieht es lieber, wenn ihr Mann bei der Bank oder im Einzelhandel arbeitet und nicht auf 1000 Meter unter Tage. Und dass man in den Dortmund-Ems-Kanal oder den Rhein-Herne-Kanal oder natürlich auch in die Ruhr hinein springen kann, ohne eine Blei-Cadmium-oder sonstige Chemikalien oder Schwermetall-Vergiftung fürchten zu müssen, ist eigentlich auch super.

Die Menschen hier hatten 150 Jahre ein hartes Leben. Aber sie haben dabei auch trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft eine gemeinsame Mentalität entwickelt. Und diese haben sie an ihre Kinder und Enkel weiter gegeben. Jeder Malocher ist stolz, wenn seine Tochter ihr Medizinstudium abschließt oder der Sohn die International School of Management. Aber er wird ihr oder ihm mit Sicherheit sagen: „Vergiss nicht, wo du her kommst.“

Meistens ist das gar nicht nötig. Gerade die jüngere Generation, die in den 1980ern geboren wurde, identifiziert sich oft besonders stark mit dem Malochertum ihrer Großeltern und Eltern. Viele junge Akademiker, denen der angeborene Ruhrpott-Dialekt in der Schule quasi „aberzogen“ wurde („Hört sich prollig an“) pflegt ihn im Erwachsenenalter um so liebevoller und spricht ihn, wann immer es geht.

Was bleibt?

Warum klammern wir uns also an diese ganze Malocher-Nostalgie und an den Ruhrpott-Dialekt? Wir können nicht anders. Im Herzen sind wir vielleicht alle noch ein bisschen Malocher. Und jeder Mensch braucht eine Identität. Fast alle Regionen in Deutschland haben irgendwas, worauf sie sich berufen können: die Bayern haben ihre Alpen und ihr Brauchtum (und Neuschwanstein), die Schwaben ihr Schaffe-schaffe-Häusle-baue, die Norddeutschen haben ihre Deiche, ihre Meere und ihre unverwechselbare norddeutsche Coolness, die Hamburger ihren Hafen, die Bremer ihre Stadtmusikanten und die Berliner haben Sehenswürdigkeiten und praktisch die ganze Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Außerdem sind sie Hauptstadt, da hat man eh einen Bonus.

Aber was hat das Ruhrgebiet noch, wenn man mal die Zechen, die Stahlwerke, die Brauereien abzieht? Was macht diese Region noch aus? Mittelalterliche Altstädte? Alles platt gemacht, im Zweiten Weltkrieg, auf die Nachfrage nach alten Fachwerkäusern können wir nur antworten: „Ham wa nich mehr, kriegn wa auch nich wieda rein.“ Technologie-Zentren? Schnarch. Das klingt nach Silicon Valley für ganz Arme. Dienstleistungssektor? Niemand identifiziert sich damit, anderen Leuten in den Hintern zu kriechen. Und danach hört sich das Wort „Dienstleistungssektor“ nun mal leider an, auch wenn das dem Begriff und den Berufen natürlich nicht gerecht wird. Hört sich aber halt nicht so geil an wie „Brandenburger Tor“. Kann man keine Werbung mit machen.

Fußball, natürlich. Die Leidenschaft für das runde Leder und die fast religiöse Inbrunst, mit der die Liebe zum jeweiligen Verein ausgelebt wird, ist sicherlich ziemlich einzigartig. Aber das reicht noch nicht zur Schaffung einer gemeinsamen Identität, auch wenn es für viele Menschen im Ruhrgebiet ein zentraler Bestandteil ihres Lebens ist.

Kein brauchbarer Ersatz

Kultur, ja gut. Was das angeht, hat sich im Ruhrgebiet wirklich viel getan in den letzten Jahren. Die Vielfalt an Museen, Theatern, Opern, Ausstellungen ist enorm und kreativ und sie hat dazu beigetragen, dass sich in den letzten Jahren auch mal Touristen ins Ruhrgebiet kamen, die sich nicht primär für die jeweilige Fußballstätte in der besuchten Stadt interessierte. Aber auch die Kultur ist nichts, was eine gemeinsame Identität schaffen kann, denn sie schließt relativ viele Menschen aus – darunter auch große Teile der Schicht, die das Bild des Ruhrpotts lange geprägt hat: die Arbeiterschicht.

Es ist noch kein brauchbarer Ersatz gefunden für das Malochertum, mit dem sich alle identifizieren können. Deshalb leben wir im Ruhrgebiet immer auch ein bisschen in der Vergangenheit. Wir wollen sie ja, die neue Zeit. Wir wollen eine gute Ausbildung, wir wollen studieren, gutes Geld verdienen ohne dabei unsere Gesundheit auf ewig zu ruinieren, in unserer Freizeit die Natur auf konventionelle Weise oder in der Ausübung von Trendsportarten genießen, ein Häuschen im Grünen, eine Innenstadt, in der alle angesagten Läden vertreten sind, ein breites Kulturangebot, eine große, internationale Auswahl an kulinarischen Genüssen und natürlich wollen wir, dass der Himmel über der Ruhr blau ist und die Bäume grün und saftig.

Wir wollen die Vergangenheit!

Aber wir wollen nicht, dass jeder Rest der Industrie-Vergangenheit aus der Gegend getilgt wird. Wir wollen, dass die Fördertürme der alten Zechen stehen bleiben, damit wir uns ab und zu einbilden können, dass im Ruhrgebiet immer noch Kohle gefördert wird. Wir fänden es gut, wenn in Dortmund-Hörde immer noch Stahl gekocht würde und der Himmel sich glutrot verfärbte, als büken die Engel im Himmel Plätzchen. Wir wollen einfach nicht, dass diese einmalige Sprache, die so knapp, prägnant und bildhaft ist und jeden zweiten Satz mit dem Kommando „Hömma!“ beginnt, ausstirbt. Wir wollen nicht, dass es irgendwann keine „Ommas“ mehr in geblümter Schürze und keine „Oppas“ im Unterhemd mehr gibt, die mit trockenem Humor und klarer, einfacher Sichtweise und lebensnaher Weisheit die alltäglichen Geschehnisse des Lebens kommentieren.

Wir wollen, dass die Fördertürme stehen bleiben. Foto: Sylvia Schemmann

Wir wollen, dass die Fördertürme stehen bleiben. Foto: Sylvia Schemmann

Wir wollen auch nicht, dass die Buden, an denen wir als „Blagen“ unsere Süßigkeiten und als Halbwüchsige unser – eigentlich noch illegales – Bier und Zigaretten kauften, zu machen müssen, weil sich das Geschäft nicht mehr lohnt. Die Kioske sind der ultimative Nahversorgungsstützpunkt im Ruhrgebiet, „anne Bude gehn“ ist ein feststehender Begriff in der Ruhrpottsprache! Das darf einfach nicht sterben.

Wir wollen nicht, dass all das, was das Ruhrgebiet ausmacht, einfach aufgeht in einer langweiligen und austauschbaren Masse von modernen Hochhäusern, Technologie-Zentren, einheitlichen Siedlungen ohne jeden Charme einer Vergangenheit und einer Masse von Menschen, die Kunden bedient und am Ende des Tages nicht einmal sehen kann, was sie getan hat, die auf ihre Arbeit nicht einmal stolz sein kann. Wir wollen unseren etwas rauen Charme bewahren.

Die letzte Generation

Unsere Generation – die Generation der 1980er – ist aber vielleicht die letzte Generation, die mit all dieser Nostalgie noch etwas anfangen kann, weil sie für uns noch nah ist. Weil wir noch in dieser Tradition erzogen wurden. Was wird einem Kind, das 20 Jahre nachdem die letzte Zeche in seiner Stadt stillgelegt wurde,geboren wurde, die Malocher-Vergangenheit seiner Urgroßeltern, die es nicht einmal mehr kennen gelernt hat, noch bedeuten? Vermutlich nicht viel, selbst wenn seine Eltern versuchen, es in diesem Geist zu erziehen. Vielleicht wird die gerade geborene Generation etwas anderes finden, was „ihr“ Ruhrgebiet ausmacht, was ihre Identität schafft. Der Ruhrpott wird auch das verkraften. Denn dem Wandel und vielen Schwierigkeiten waren die Menschen hier immer ausgesetzt und sie haben sie immer gemeistert.

Und auch wenn den neuen Generationen vielleicht die Fördertürme und die alten Stahlwerke nichts mehr bedeuten werden, so kann man ihnen dennoch die pragmatische Sicht auf die Dinge beibringen, die den Menschen hier zu Eigen ist. Man kann ihnen die Leidenschaft zum Fußball beibringen. Die Sprache an sie weitergeben und ihnen sagen, dass diese Sprache nicht prolliger ist als Bayrisch oder Berlinerisch. Und man kann ihnen vielleicht zumindest bewusst machen, dass sie ein so gutes, komfortables Leben haben, weil ihre Urgroßväter einst hart dafür so geschuftet haben.

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